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3.2.2. Das Wiener Volkskonservatorium

3.2.2.1. Gründung

Der Postbeamte und Schriftsteller Emmerich Maday brachte im August 1925 den Antrag auf Gründung des Vereins „Wiener Volkskonservatorium“, mit der Adresse Fleischmarkt 15 ein. Als Präsident des Vereins fungierte Univ. Prof. Eduard Castlé, erster musikalischer Leiter war Ferdinand Grossmann.

Ausgangspunkt war der von Maday geleitete Volksbildungskreis Apolloneum, wo vorerst Musiklehrekurse abgehalten werden sollten. Grossmann baute diese Idee aus.

3.2.2.2. Gründungszweck – Ziele

Der Gründungsgedanke Ferdinand Grossmanns war es, ein Volkskonservatorium für finanziell Schlechtergestellte ins Leben zu rufen. Dies sollte durch niedrige Schülerbeiträge, die für gänzlich Unbemittelte auch erlassen werden konnten, bei gleichzeitig erstklassigem Unterricht, erreicht werden.

3.2.2.3. Lehrangebot

Das Ausbildungsangebot war auf zwei unterschiedliche Zielgruppen ausgerichtet.

Zum einen versuchte man die künstlerische Entwicklung begabter Jugendlicher durch die Bestellung aktiver Künstler zu fördern. So gab es schon 1925 Klassen für Gesang, Violine, Cello, Klavier, Orgel bzw. Musiktheorie sowie ein Schülerorchester. Letzteres diente auch zur Leistungspräsentation in der Öffentlichkeit.

Zum anderen verfolgte man das Ziel der musikalischen Volkserziehung. Es sollte ein allgemeines Musikverständnis für breite Bevölkerungsschichten zugänglich gemacht werden. Dazu gehörten auch die Schaffung von Kindersingschulen, Kurse für die musikalische Kindererziehung und ein Kinderorchester, aber auch Musiktheoriekurse für Erwachsene. Es gab also ähnlich dem „Neuen Wiener Konservatorium“ auch eine Musikausbildung für Kinder, hier aber mit noch größerer Breitenwirkung – etwa Kindersingschulen in mehreren Bezirken.

Neben dem Unterricht von Orchesterinstrumenten, Klavier bzw. Gesang und Theorie als Hauptfach gab es weitere theoretische Fächer, wie
Harmonielehre, Kontrapunkt, Instrumentation, Musikgeschichte, Formenlehre und Komposition sowie Ergänzungsfächer wie Sprechtechnik, aber auch Volksinstrumentenkurse für Mandoline, Zither, Harmonika und Gitarre.

Das Ausbildungsangebot kann in diesem Zusammenhang als konservativ angesehen werden. Es gab im Vergleich zum „Neuen Wiener Konservatorium“ weder eine Schauspielschule, noch Operetten- und Kabarettabteilung oder Jazzorchester.

Die Innovation lag in der Zielsetzung breiten Bevölkerungsschichten billigen und doch gediegenen Musikunterricht bieten zu können.

3.2.2.4. Entwicklung des Unterrichtsbetriebes

Die Schülerzahl des ersten Unterrichtsjahres 1926 verfünffachte sich im Zweiten, wodurch auch Unterrichtsbetrieb in Geschäftslokalen und öffentlichen Schulen notwendig wurde. Es mußten also schon sehr bald Zweigstellen errichtet werden. 1929 waren dies die Adressen Marchettigasse 3, sowie Mariahilferstraße 115, beide im sechsten Bezirk. Später kamen noch Johannagasse 1 im fünften Bezirk, Neulerchenfelderstraße 39 im 16. Bezirk sowie eine Zweigstelle in Hadersdorf-Weidlingau hinzu.

Weiters wurde auch in einer Reihe von öffentlichen Schulgebäuden Musikunterricht erteilt. Eine Praxis die im Übrigen auch heute noch in einigen Bezirksmusikschulen der Stadt Wien zur Anwendung kommt.

Aus dieser Entwicklung läßt sich ein reger Zuspruch ablesen, der wohl durch das geringe Schulgeld, das fallweise sogar erlassen wurde, zu begründen war. So kostete der Unterricht für ein Semester etwa 30 Schilling (S), im „Neuen Wiener Konservatorium“ 125 S. Dies war aber nur dadurch möglich, daß man für das monatliche Schulgeld von 6 S eine sogenannte „Zehnerklasse“ besuchte. Dabei wurden in einer Stunde 10 Schüler jeweils 6 Minuten unterrichtet. Bei zwei Unterrichtseinheiten ergab dies 12 Minuten Unterricht pro Woche. Es gab auch sogenannte „Achter-, Vierer- und Zweierklassen“, deren Besuch entsprechend teurer war.

Diese zwölf Minuten Unterricht waren natürlich äußerst wenig, für viele aber die einzige Möglichkeit, überhaupt ein Instrument zu erlernen.

Die Grundidee der musikalischen Volksbildung hatte in der Bevölkerung offenbar große Resonanz, 1936 gab es 1100 Schüler bei 63 Lehrern, was zu diesem Zeitpunkt die Schülerzahl des „Neuen Wiener Konservatoriums“ überstieg. Die Gründe dafür lagen wie schon erwähnt auch im viel geringeren Schulgeld sowie auch in den sogenannten „Arbeitslosenkursen“ der Dreißiger Jahre, die zu einem geringen Betrag besucht werden konnten. Unter diesen Minimaleinnahmen über das Schulgeld litt die wirtschaftliche Situation der Anstalt sowie sicher auch das Einkommen der Lehrkräfte. In dieser Zeit hoher Arbeitslosigkeit auch in Musikerkreisen wurde dies jedoch hingenommen.

In den Jahren 1936 – 1938 erfolgte ein dramatischer wirtschaftlicher Niedergang des Volkskonservatoriums, der neben der Wirtschaftskrise vor allem auf eine undurchsichtige Geschäftsgebarung des Präsidenten Maday zurückzuführen sein dürfte. 1938, zum Zeitpunkt der Auflösung des Instituts, bestanden erhebliche Schulden.

Zusammenfassung

Die Intention einer musikausbildungsmäßigen Erfassung breiter Bevölkerungsschichten mittels niedriger Schulgelder und die Struktur der Zweigstellen des Volkskonservatoriums in den Bezirken kommt dem Konzept der heutigen Musikschulen der Stadt Wien nahe. Im Vergleich dazu kann die Institution „Neues Wiener Konservatorium“ eher als Eliteschule sowohl hinsichtlich des Schulgeldes, als auch im Bezug auf die Qualität und Quantität des Unterrichtsangebots gesehen werden.

© Harald Mückstein, 2002
 
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